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Das erste strittige Kapitel in Hildegards Naturkunde ist 12 rado. Es steht zwischen den Ackerpflanzen (Cap. 1-11) und den exotischen Gewürzen (ab Cap. 13). Unsere Kandidaten sind dieses Mal: - Schwarzkümmel (Nigella) - Kornrade (Agrostemma githago) - Taumel-Lolch (Lolium temulentum)

Die Glosse nigella ist wohl verantwortlich dafür, dass insbesondere in populären Büchern der Schwarzkümmel bevorzugt wird. Aber wie soll das zu Hildegards Text passen? Heiß und trocken, nützt keinem Menschen im Essen, er bekäme Beschwerden, auch dem Vieh taugt es nicht sonderlich.

Wie schon bei Cap. 59, wo populäre Bücher gerne die Melisse sehen, will man hier offenbar eine heute populäre Pflanze in Hildegard hineininterpretieren und schaut sich dabei nicht einmal ihren Text an. So viel zum ganz allgemeinen Niveau der sg. "Hildegard-Medizin" seit den 1970ern.

Peter Riethe nennt 2007 den Taumel-Lolch und bezieht sich dabei wohl vorrangig auf die Überlieferung seit der Antike. Reiner Hildebrandt sieht 2014 hingegen Kornrade und stützt sich alleine auf die Namen bzw. Synonyme in den Textzeugen. Wer liegt richtig?

Die Kornrade ist giftig und der Taumel-Lolch kann nach Pilzbefall giftig werden, daher auch der Trivialname. Beides sind Ackerunkräuter, was die Stellung des Kapitels nach den Ackerpflanzen wie Getreide, Hülsenfrüchte und auch Nutzhanf erklären würde. Also, Blume oder Gras?

Mit den Namen alleine kommen wir nicht weiter, denn die sind hier fast alle ziemlich austauschbar, wurden aber auch für den Taumel-Lolch verwendet, wie sich durch Konrad von Megenberg rund 200 Jahre nach Hildegard belegen lässt (Buch der Natur, Cap. V.89).

Und wenn wir nun die Beschreibungen seit der Antike anschauen, dann passt Hildegards Text deutlich besser zum Taumel-Lolch als zur Kornrade. Am besten eignet sich dafür neben Konrad (vgl. V. 55 rote chorn plüm) schon Dioskurides, der ebenfalls beide Pflanzen beschreibt (DMM II.100 und III.101).