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Wenn ein Kanzler beim DGB ausgepfiffen wird und auf dem Katholikentag Buhrufe erhält, ist das laut Karsten Linnemann ein Symptom „verrohenden Diskurses". Nein! Genau das Gegenteil ist der Fall. Pfiffe sind Demokratie. Schweigen wäre Zustimmung. Demokratie ist keine reine Frage der Höflichkeit.🧵/1

Wer Macht hat, definiert also was als "sachlich" und was als "verroht" gilt? Pfiffe der Regierten (ohne Mikro) gegen die Regierenden werden im Anschluss von den Kritisierten zur Zivilisationskrise hochstilisiert. Während sie ihre Einschnitte als "notwendige Reform" akzeptiert haben möchten. /2

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Merz hat Kabinettssitzungen, Pressestäbe, ARD-Brennpunkte, Bild-Schlagzeilen. Die DGB-Delegierten hatten kein Mikro, keine Kamera und genau dreißig Sekunden Zeit für Pfiffe und Zwischenrufe. Wenn das als "Verrohungsbeiträge" behandelt wird, geschieht Diskursnivellierung von ganz oben. /3

Pfiffe und Buhrufe sind keine Gewalt! Sie sind körperlich vermittelte Meinungsäußerung in Echtzeit. Unsere Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG) schützt das ausdrücklich. Wer beim DGB redet, betritt einen Resonanzraum, keine Pressekonferenz im Kanzleramt. /4

Politiker:innen vor Gewerkschaftspublikum wurden immer geprüft. Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder - sie alle haben Gegenwind aus dem Saal kassiert, wenn die Linie nicht passte. Das war nie "Verrohung". Das war die eigentliche Funktion solcher Auftritte: sich exponieren! /5

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass man bei den Bauernprotesten das buhende Publikum (das war noch das harmloseste) im Anschluss als "verroht" bezeichnet hat. Hier wird also zusätzlich noch mit zweierlei Maß gemessen. Man unterscheidet zwischen Gegner und Klientel. Das ist wenig demokratisch. /6

Das ist Kennzeichen der Generation, der Friedrich Merz angehört und die Carsten Linnemann erzogen hat: sie reklamiert jegliche Deutungshoheit für sich und glaubt so, entscheiden zu können, welche sprachliche Entgleisung (Stadtbild) erlaubt und welche diskriminierend (Buh-Rufe) ist.

Oder anders ausgedrückt, sie wollen auf uns pi$$en und uns erzählen, daß es regnet. Aber wehe, der Gegenwind weht ihnen ein wenig davon zurück ins Gesicht...